Unsere Mama hat sich nie viel aus dem Muttertag gemacht. Als wir noch Kinder waren bastelten meine Schwester und ich ihr trotzdem immer kleine Geschenke oder malten ihr Bilder zu diesem ehrwürdigen Feiertag. Später kratzten wir unser Taschengeld zusammen und fuhren in die Stadt zu Douglas, um der Mama und auch der Oma ein paar schöne Geschenke zu kaufen. Denn eines steht fest: wir lieben unsere Mutter und Großmutter, die uns großgezogen und zu den Menschen gemacht haben, die wir heute sind. Vor allem bei Douglas konnten wir ihnen dann Beauty-Geschenke zum Muttertag kaufen. Ein duftendes Parfum oder eine pflegende Creme, darüber freuten sie sich jedes Mal. Denn was heutzutage groß und breit als lebensnotweniges Selfcare angepriesen wird, kam vor allem bei unserer Mama oft zu kurz. Der Muttertag fällt bekanntlich auf einen Sonntag, aber da arbeitete unsere Mutter meist in der Gastronomie und hatte keine Zeit, sich feiern zu lassen.

Ende 2019 durfte ich für den Kölner Frauengeschichtsverein einen Text verfassen, in dem ging es unter anderem um meine Eltern und deren Arbeit. Unter dem Titel „Das Scheißspiel“ schrieb ich:

Die Arbeit war für beide Eltern nicht leicht. Mamas Schichten begannen in der Regel um sechs und endeten nicht vor 23 Uhr. Meine Mama fuhr jeden Abend mit der U-Bahn vom Ebertplatz hier zum Heumarkt ins Maredo Steakhaus. Und immer blieb die Bahn im Tunnel zwischen Appelhofplatz und Neumarkt stehen und Mama war spät dran. Im Sommer baute sie dann die Terrasse auf und nachts wieder ab, rannte durch den Laden, erfüllte lächelnd Getränke und Speisewünsche und ignorierte mit eben diesem Lächeln anzügliche Sprüche und Bemerkungen oder Vorgesetzte, die ihr nachstellten. Das ging in den Rücken, in die Beine, in die Hüften.

Ich erinnere mich, dass ich nicht einschlafen konnte, wenn Mama nachts arbeiten war. Und dieses wohlig-beruhigende Gefühl, dass sich in mir ausbreitete, wenn ich auf die Geräusche im Treppenhaus lauschte, das dongdong des Fahrstuhls der jedes Mal ruckartig hüpfte, wenn er im 5. Stockwerk ankam und Mama sanft den Schlüssel ins sonst so laut zu knackende Schloss gleiten ließ. Dann schlief ich friedlich ein oder schlich mich auf leisen Sohlen in die Küche, wo sie saß bei einem Glas Rotwein und einer Zigarette zum runterkommen. Dann erzählte ich ihr von meinen jugendlichen Sorgen. Denn mit Mama konnte ich sprechen.

Am nächsten frühen Morgen stand Mama dann aber auch wieder in der Küche und schmierte unsere Pausenbrote, Sie machte mit uns Hausaufgaben und Ausflüge und besuchte unsere Schulauftritte und fuhr trotzdem abends wieder zum Heumarkt. Und ich staune immer wieder darüber, wie Mama das geschafft hat.  (Lies den kompletten Text hier)

Heute macht unsere Mutter diesen harten Kellner-Knochenjob zum Glück nicht mehr. Ihr neuer Job ist in Zeiten von Corona systemrelevant: Mama kümmert sie um Alte und Demenzkranke Menschen. Während ich aufgrund der aktuellen Corona-Maßnahmen gemütlich im Homeoffice sitzen darf, schuftet meine Mutter weiter. Sie fährt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt und besucht diejenigen, die ihre Hilfe dringend benötigen. Zusätzlich kümmert sie sich um meine Oma. Für Mama gibt es also keine Corona-Pause, obwohl meine Schwester und ich ihr das so sehr gönnen würden.

Immerhin muss Mama heute nicht mehr an den Sonntagen arbeiten. Ein gemütlicher Muttertags-Kaffeekranz mit Mama und Oma ist in Zeiten von Corona jedoch auch nicht so leicht umzusetzen. Die aktuellen Corona-Maßnahmen und das Kontaktverbot lassen dies nicht zu, das Risiko ist zu hoch. Mama und ich treffen uns hin und wieder mit Abstand unter freiem Himmel, die Oma habe ich lange nicht gesehen. Dabei vermisse ich meine liebe Oma ungemein und weiß wie gerne sie ihre Familie um sich hat.

Meine Mutter, die vor allem mit alten Menschen zusammenarbeitet, sagt, dass diese unter der aktuellen Situation immens leiden. Die meisten alten Menschen in unserer Gesellschaft sind ohnehin stark von Einsamkeit betroffen – mit oder ohne Corona-Pandemie. Viele bekommen selten bis gar keinen Besuch und durch die neuen Maßnahmen vegetieren sie nur noch vor sich hin – viele wünschen sich den Tod. Wenn ich daran denke, gruselt es mich und es macht mich wahnsinnig traurig. Umso froher bin ich darüber, dass unsere Oma in Deutschland nicht in einem Heim leben muss. Mein Onkel lebt mit seiner Familie direkt im gleichen Haus und meine Eltern besuchen meine Oma regelmäßig. Auch ich habe das vor Corona oft getan. Wie sehr freue ich mich darauf, sie wieder in die Arme schließen und knuddeln zu können. In diesem Jahr wird es zum Mutter-Oma-Tag wahrscheinlich nur ein Anruf sein, den meine Oma geschenkt bekommt. Aber die Hoffnung auf bessere Zeiten stirbt zuletzt.

Esther