Ich wach morgens auf, draußen stürmt es und der Regen klatscht auf die Dachfenster. Ich begehe den Fehler und greife zum Handy, lese im Newsfeed: Die AFD ist die zweitstärkste Partei im Land. Schlagartig bekomme ich Kopfschmerzen (und empfehle dieses Schmerzmittel). Angst will sich breit machen. Am liebsten würde ich liegen bleiben, mir die Decke über den Kopf ziehen, mich verkriechen. Aber das geht heute nicht. Ich muss arbeiten – und zwar beim Afrika Film Festival Köln.

Im dritten Jahr arbeite ich mittlerweile als Teilzeitkraft für FilmInitiativ Köln – der Verein, der vor 26 Jahren das Afrika Film Festival Köln gegründet hat. Jeden September zeigen wir für 10 Tage Filme aus Afrika, von afrikanischen RegisseurInnen oder RegisseurInnen aus der Diaspora, um eine andere Perspektive auf das klischeehafte Afrikabild zu richten, welches hierzulande vorherrscht. Jedes Festival hat einen Schwerpunkt und so liegt unser diesjähriger Fokus auf der „Migration innerhalb Afrikas“. Entgegen der in Europa weitverbreiteten Ansicht, dass es die Refugees alle darauf abgesehen haben, „zu uns“ zu kommen, gibt es in Afrika nämlich weitaus  mehr Geflüchtete als in Europa. Nur 17 Prozent der globalen Geflüchteten fliehen in das vergleichsweise reiche Europa. Die meisten Geflüchteten (30 Prozent) leben innerhalb Afrikas südlich der Sahara. Tatsächlich fliehen die meisten Menschen in Afrika also in ihre jeweiligen Nachbarländer (mehr Infos findest du in diesem Artikel: Migration innerhalb Afrikas – 16. Afrika Film Festival Köln).

Ich durfte während meiner Zeit bei FilmInitiativ bereits so einiges lernen. Nicht nur über die Organisation eines großen Festivals, sondern auch über die Schicksale verschiedener Menschen aus unterschiedlichen Ländern dieser Erde. In diesem Jahr erwies sich das Einladen von Gästen aus afrikanischen Ländern zu unserem Festival allerdings schwieriger als je zuvor. Viele der FilmemacherInnen, die wir dazu eingeladen hatten, ihre Filme in Köln vorzustellen, bekamen in diesem Jahr kein Visum, um uns in Deutschland zu besuchen. Dabei wird das Festival vom Bund gefördert. Flüge, Hotels, Versicherungen –  alles müssen wir im Voraus buchen und zahlen. Erst dann kann der Gast im jeweiligen Land bei der deutschen Botschaft ein Visum beantragen. In diesem Jahr wurden viele abgelehnt, unter anderem aus dem Kongo und Nigeria. Ein Gast, der es aus Ägypten zu uns geschafft hatte, wurde dann am Frankfurter Flughafen von der Bundespolizei festgehalten. Die rief dann bei uns an und wollte wissen, ob das Festival überhaupt seriös sei. Zufall oder macht sich hier die Festung Europa bemerkbar?

Ich scrolle weiter in meinem Newsfeed, bekomme Bauchschmerzen, sehe Videos von grölenden Rechten, stolpere über einen Artikel über eine AFD-Aussteigerin, die berichtet, was passieren würde, wenn die Partei die stärkste Kraft im Lande wäre und dass sie den Staatsstreich planen. Auf der anderen Seite Kommentare in Facebookgruppen in denen Schwarze die weißen Mitglieder beleidigen und für ihr Leid verantwortlich machen. Und ich sehe ein Video einer jüdischen Zeitzeugin, die als Kind im Arbeitslager Theresienstadt gefangen war und dabei zusehen musste wie nach und nach ihre Familie deportiert wurde. Sie habe Angst vor der heutigen Zeit. Genauso wie Theodor Wonja Michael – afrodeutscher Zeitzeuge des Naziregimes, den ich im vergangenen Jahr beim Afrika Film Festival kennenlernen durfte. Als Kind wurde er im Zoo ausgestellt, musste Baströckchen tragen, tanzen und jeden Tag um sein Leben bangen, wenn er das Haus verließ. Heute hat er immer einen gepackten Koffer zuhause stehen. Man könne nie wissen, erzählt er mir beim gemeinsamen Dinner. Und er erzählt, aus seinem Leben von Rassismus den er erfahren musste und immer wieder betont er, wie schwachsinnig diese „Feindschaft“ zwischen Schwarz und Weiß ist auf unserer Welt und dass es doch egal ist, welche Hautfarbe man hat.

Genauso denke ich auch. Und ich bedanke mich bei all jenen, die wach sind, die aktiv sind, die etwas tun dafür, dass die Angst nicht regiert. Danke an alle, die Zeichen setzen und nicht aufgeben! Das mach ich auch nicht und steh wieder auf.