Dass eine Transition immer auch eine Reise zu sich selbst ist, habe ich bereits geschrieben. Meine Haarreise war schon lang. Das lag aber auch daran, dass ich vorher einfach keine Ahnung hatte, wie viel Glanzpotenzial in meinen Haaren steckt.

Als Kind hatte ich immer den Traum von fliegenden Haaren im Wind wie bei „Arielle, die Meerjungfrau“ oder „Pocahontas“. All die schönen Mädchen hatten lange, glatte Haare. Meine hingegen waren kraus und meine Eltern hatten oft Schwierigkeiten, sie zu bändigen.
Später wollte ich dann möglichst so aussehen, wie Beyoncé. Diese Attitude, diese Stimme, dieser Body, und diese Haare. Außerdem: Boys love Beyoncé – und mit fünfzehn spielen die Hormone verrückt. Da willst du, dass die Boys dich lieben.  Um meinem Wunsch möglichst nahe zu kommen, probierte ich alles aus und pflegte meine Haare genauso, wie meine Freundinnen es taten. Das Problem dabei war, dass die alle keine Krauselocken hatten. Ihre Haarpflege war nicht die Richtige für mich, aber das wusste ich damals noch nicht und shampoonierte, bürstete, glättete und färbte meine Haare was das Zeug hielt. Trotzdem sah es nie besonders schön aus.

Die Relaxer-Phase

Als ich 15 war, fing ich mit dem Relaxen an. Das erste Mal half mir meine Mutter dabei. Dafür musste ich sie allerdings erstmal ewig überreden, weil sie natürlich nicht wollte, dass ich meine schönen Haare mit irgendeiner Chemie verhunzte. Ich machte aber ein Riesen-Theater und nervte so lange rum, bis sie mir im Afroshop eine Packung Relaxer kaufte. Widerwillig glättete sie mir die Haare nach Anleitung auf der Packung. Das Resultat war natürlich nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Meine Haare waren trocken und brachen ab.

Ich wusste noch nicht, dass mit dem Relaxen ein Teufelskreis begonnen hatte, aus dem ich erst viele Jahre später ausbrechen konnte.

Als der Ansatz ein bisschen nachwuchs, lies ich mir die Haare von einer Friseurin im Afro-Salon glätten. Das Ergebnis war schon ein bisschen besser, zumindest waren die Krausen richtig weg, wenn ich sie zusätzlich mit einem Glätteisen bearbeitete. Nach und nach wurde ich dann Relaxer-süchtig und ging regelmäßig zur Frisörin, wenn der Ansatz auch nur ein bisschen kraus nachwuchs.

Leider gefiel meinen Haaren die ganze Prozedur gar nicht. Sie brachen immer weiter ab, aber ich relaxte, färbte und glättete sie weiter – bis sie immer kürzer wurden.

Mit 17 Wannabe-Beyonce: Relaxed, blondiert und mit Lockenstab bearbeitet  
Relaxed und schwarz gefärbt – auch ungesund!
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

 

Die Weave-Phase

Mit Anfang 20 hatte ich die Nase voll! Meine Haare waren inzwischen total kurz und ich kam einfach nicht weg von der Relaxerei.

Relaxte Fransen – gequältes Lächeln…

 

Verzweifelt ging ich zu meiner Deal…ehm, ich meine Frisörin und klagte ihr mein Leid. Sie riet mir dann zu einer Weave. Die war natürlich teurer, als Relaxen. Ich sparte also mein Geld zusammen, kaufte falsche Haare im Afroshop und lies mir die Haarverlängerung anbringen. Leider hörte die Frisörin nicht auf, meine Haare zu relaxen. „Eh! Deine Haare sind schwierig. Ich muss die relaxen, sonst kommen Knoten!“, sagte sie und das reichte mir Ahnungslosen damals als Argument.

 

Die Haare wurden immer kürzer…
2007 – Weave mit relaxtem Pony
2006, erste Weave, leider noch relaxed

 

 

Ich lief also lange mit relaxten Haaren herum, an denen zusätzlich eine Weave angebracht war. Erst über ein Jahr später wechselte ich die Frisörin. Die Neue schlug die Hände über dem Kopf zusammen und erklärte, dass man unter der Weave gar nicht relaxen sollte! Eine Weave ist ein Protective Style und soll die Haare bestenfalls schützen. Von da an war endgültig Schluss mit Relaxer.

2007 – Bewerbungsfoto mit Weave  
Die Weave

Die Weave

pool1
erstes-weave-out-20091

Ich trug meine Weave ungefähr 2 ½ Jahre lang regelmäßig. Seit sie nicht mehr relaxed wurden, wuchsen meine Haare auch viel gesünder nach. Am Ende machte ich sie mir – bevor ich eine neue Weave bekam – schon zuhause immer selber auf, um den Wachstum zu betrachten. So begann ich mich auch nach und nach an den Natural Style zu gewöhnen.

Nach 2 ½ Jahren habe ich es dann gewagt. Nach monatelangen Recherchen zum natural hair und nachdem ich mir immer wieder Mut zugesprochen hatte machte ich mir meine Weave auf – und ging nicht mehr zur Frisörin. Ab diesem Tag wollte ich es schaffen mit meinen Haaren, so wie sie aus meinem Kopf wachsen klarzukommen und sie zu lieben. Es war ein tolles Gefühl. Natürlich hatte ich noch relaxte Haarspitzen. Ich schnitt sie nach und nach ab und kaschierte sie, indem ich mir nachts Braids flocht.

 
Das erste Mal seit Jahren…
…ohne Weave und Relaxer!    
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

 

Mit meinen echten, natürlichen Haaren bekam ich von allen Seiten Komplimente. Auch mein Freund war überglücklich, weil er mir endlich in die Haare fassen konnte und durfte, ohne die Weave-Braids an meinem Kopf zu fühlen. Endlich keine Perücke mehr und endlich natürliche Haare!

 
2011 – Eine stolze Krauselocke!    

 DSC_01831

Klar, es ist nicht immer leicht eine Krauselocke zu sein. Das Schönheitsideal unserer Gesellschaft sieht anders aus. Und auch, wenn ich mittlerweile in ein Alter gekommen bin, in dem ich gemerkt habe, was für ein Schwachsinn das ist, sich ständig mit anderen zu vergleichen und es weitaus wichtigeres gibt, als Haare… – manchmal steh ich abgefuckt vorm Spiegel und denke: Buäh! Kotz! Würg! Kein Bock! Ich bin hässlich! Buhuhu! Dann hatte ich was an der Schilddrüse, meine Haare haben gar nicht mehr gemacht was ich wollte. Vogelscheuche! Selbstmitleid! Ärger! Bäh!

Aber hey, irgendwann ist Schluss, dann muss man sich auch wieder einkriegen. Auch Beyonce hat mal ihre miesen Tage – garantiert.

Ich kann euch allen nur empfehlen, eure Haarstruktur versuchen zu lieben und zu akzeptieren wie sie ist. Man kann so viel daraus machen und man bleibt immer einzigartig. Eine Krauselocke zu sein, ist einfach etwas Wunderbares!

Zur Krönung dieser Erkenntnis lernte ich dann Barbara kennen! Eine andere Krauselocke, die mit mir so vieles teilte. Weil es noch keine deutschen Afrohaarblogs gab, gründeten wir einfach einen. Heute gibt es KrauseLocke und wir haben gemerkt, wie viele es von uns gibt!

Keep it kraus!

Eure Esther
www.esthersiesta.com